
Von der Ostsee nach Zürich
… und nun in Aarau: Der Theologe Benjamin Limbeck neu an der HF TDS Aarau
Der Theologe Benjamin Limbeck wird neu Mitglied des Konvents. Sein Lebensweg und seine Ausbildung haben ihn über unterschiedliche Stationen quer durch Deutschland in die Schweiz geführt. Statt eines Pfarramts übernimmt er ab September 2025 die Leitung des Fachbereichs Theologie an der HF TDS Aarau. Matthias Ackermann traf ihn im Coffee&Deeds der Reformierten Kirche Hirzenbach zum Gespräch.
Benjamin, wo bist du aufgewachsen und wie bist du zur Theologie gekommen?
Ich bin im Hessischen Hinterland aufgewachsen – in der Mitte Deutschlands. Das Leben dort hat mich schönerweise auf die Schweiz vorbereitet, z. B. stolz auf den eigenen Dialekt und Herkunftsort zu sein. Gross geworden bin ich in einer (lutherischen) Landeskirche. Diese Kirche – insbesondere mein Jugendleiter – hat den anderen Jugendlichen und mir Raum gegeben, um unseren Glauben zu leben. Aus Dankbarkeit für diese Glaubensheimat entstand mein Wunsch, als Pfarrer der Landeskirche zu arbeiten.
Auch im Theologiestudium habe ich wunderbare Menschen getroffen, die Jesus lieben und feiern – aus unterschiedlichsten Kirchen und Werken. Diesen Begegnungen verdanke ich meine kirchliche Weite: Sei es beim CVJM (hier absolvierte ich ein Freiwilligenjahr und machte fünf Jahre freiwillig Jugendarbeit), über die Organisation 1000plus (für sie betrieb ich Fundraising und besuchte dabei katholische und freikirchliche Gemeinden) oder in den Landes- und Freikirchen, die ich während des Studiums in Oberursel (bei Frankfurt), Mainz, Marburg und Greifswald kennenlernte. Mein Plan blieb aber bestehen, bei der Landeskirche zu arbeiten, in der ich aufwuchs.
Im Theologiestudium habe ich wunderbare Menschen getroffen, die Jesus lieben und feiern – aus unterschiedlichsten Kirchen und Werken.
Du bist jetzt am Doktorieren. Wie kam es dazu?
In Greifswald arbeitete ich am Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung (IEEG). Dort habe ich Menschen kennengelernt, die sowohl eine Leidenschaft für die kirchliche Praxis als auch für das akademische Arbeiten hatten. Da erst eröffnete sich mir die Perspektive: Auch ich könnte ja wissenschaftlich arbeiten und damit der Kirche dienen.
Konkret wurde diese Idee schliesslich mit Prof. Ralph Kunz, dem Praktischen Theologen der Universität Zürich, bei dem ich jetzt promoviere. Es ist eine nette Geschichte, wie ich ihn traf: Ralph kam als Redner für ein Jubiläum des IEEG zu uns an die Ostsee – und ich fröhlicher Student durfte für ein Wochenende sein Chauffeur sein. Dies führte dazu, dass meine Frau Sarah und ich 2021 für meine Promotion in die Schweiz zogen. Wir hatten ein Jahr zuvor während der Covid-19-Pandemie geheiratet. Wir sind hier «hängengeblieben» und ich habe auch das Vikariat in der Schweiz absolviert – in Hinwil im Zürcher Oberland.
Du warst zwei Jahre in der Reformierten Kirche Zürich-Hirzenbach angestellt …
Dafür bin ich sehr dankbar. Ich suchte eine Anstellung neben der Promotion. Am liebsten hätte ich weiter Jugendarbeit in einer Kirche gemacht – nur jetzt bezahlt. Die Ref. Kirche Zürich-Hirzenbach hatte eine Ausbildungsstelle für das TDS ausgeschrieben. Ich hatte keine Ahnung, was das TDS ist. Die Stellenbeschreibung klang für mich nach Jugendarbeit – und ich bewarb mich. Die Kirche fand meine Bewerbung interessant und hat mich – statt der Ausbildungsstelle – für Jugendarbeit und ein visionäres Projekt angestellt: Eine Lebensgemeinschaft für Theologiestudierende mit Anbindung zu einer Gemeinde zu gründen. Da konnte ich aushelfen, da ich bis zu meiner Emigration ein ähnliches Haus in Greifswald leitete. Aus dem Projekt ist das Evangelische Studienhaus Zürich (ESH) geworden, welches unterdessen seit drei Jahren von sechs Studierenden bewohnt wird.
Und Sarah?
Sie arbeitet als Unfallchirurgin am Kantonsspital Baden – und freut sich mit mir, in der Schweiz zu leben.
Du und deine Frau – seid ihr nun in der Reformierten Kirche Zürich-Hirzenbach zuhause?
Ja, wir wohnen direkt neben der Kirche, die zusammen mit dem Coffee & Deeds und der Villa Yoyo eine Art Begegnungszentrum des ganzen Quartiers bildet. Mir gefallen der Innovationsgeist und die Experimentierfreudigkeit dieser Kirche. Sie haben z. B. einen «Ermöglicher» angestellt (1); wie toll ist das? Sie schauen, wo Potential vorhanden ist, und wollen dort anpacken und Menschen freisetzen.
Bereichernd ist für uns auch unser Hauskreis. Die Leute gehen einerseits in die Gemeinde Hirzenbach, andererseits ins ICF Zürich, das ganz in der Nähe ist.
Stichwort «innovative Kirchen»: Wie hast du Kirchen diesbezüglich in Deutschland erlebt?
Es gibt genügend Herausforderungen für die Kirchen in Deutschland, aber auch etliche Menschen, die die Kirchen fit für die Zukunft machen wollen. Ich wirke bei einem Podcast mit (Praktisch. Theologisch. Kirche), bei dem wir den Fokus auf die Chancen legen. Daniela Mailänder, die u. a. die Willow Creek Konferenzen moderiert, hat mit uns über das kreative Gottesdienstkonzept der «Messy Church/Kirche Kunterbunt» gesprochen (Staffel 6, Folge 4). Thomas Schlegel, der federführend bei den «Erprobungsräumen» ist, hat mit uns über die Gemeinsamkeiten von der Forstwirtschaft und der Kirche gesprochen (Staffel 6, Folgen 9 und 10). Auch Kira Geiss, Miss Germany 2023, die eine Jugendgemeinde mitgründete, war zu Gast bei uns (Staffel 6, Folge 3). Mit solchen Menschen über ihre Visionen für die Kirche zu reden, stimmt mich hoffnungsvoll.
Du hast Theologie studiert, um Pfarrer in Deutschland zu werden. Nun wirst du nicht als Pfarrer arbeiten und bist sesshaft in der Schweiz.
Richtig! Mit den Jahren hat sich mein Anliegen geweitet: Ich will Gott und meinem Umfeld mit meinen Gaben dienen. Wenn ich das am TDS machen kann, dann ist es der richtige Ort für mich. So bin ich zwar nicht direkt in einer Gemeinde aktiv, dafür investiere ich in diejenigen, die in den verschiedensten Kirchen ihre Gemeinden gestalten – eine verheissungsvolle Aussicht. Zunächst werde ich 60 % fürs TDS arbeiten und daneben meine Dissertation fertigstellen. Wenn die Dissertation einmal vom Schreibtisch ist, sehe ich weiter; vielleicht geht es noch als praktische Ergänzung zum theoretischen Unterrichten am TDS in ein Teilzeit-Pfarramt. Vielleicht kann ich am TDS mein Pensum aufstocken.
Wir bleiben als Kirche hinter unserem Potential zurück und entsprechen nicht unserem Auftrag, wenn wir nicht Mitglieder gewinnen wollen.
Worüber schreibst du deine Doktorarbeit?
Ich schaue, wie Sportvereine Mitglieder gewinnen und was die Kirche davon lernen kann. Damit will ich einen Beitrag zur Kirchenentwicklung leisten – ähnlich wie die Motivation, als Pfarrer zu arbeiten. Die Kirche verliert seit Jahrzehnten mehr Mitglieder als sie dazugewinnt. Anstatt Trübsal zu blasen, möchte ich bei aller gebotenen Nüchternheit fragen: Wäre es nicht sinnvoll, Mitglieder gewinnen zu wollen? Was machen Sportvereine, um Mitglieder zu gewinnen? Was können wir von ihnen lernen? Meine (vorläufige) Antwort lautet: Es geht primär um die Haltung – wir bleiben als Kirche hinter unserem Potential zurück und entsprechen nicht unserem Auftrag, wenn wir nicht Mitglieder gewinnen wollen.
Du hast selbst einen Bezug zum Sportverein.
Ich habe jahrelang in einem Verein Volleyball gespielt. Aktuell geben meine Frau und ich Beachvolleyballtraining bei Sportegration – einem Verein, der Geflüchteten durch Sport bei der Integration helfen will. Wenn es zeitlich passt, sind wir auch als Trainer bei Beachvolleyballcamps von SRS (Sportler ruft Sportler) dabei. Im Alltag gehe ich zum Ausgleich ins Fitnessstudio oder fahre mit meinem E-Bike von A nach B.
Dein Engagement neben dem Studium scheint richtungsweisend gewesen zu sein für dich. Wie blickst du zurück auf dein Theologie-Studium?
Mein Studium habe ich lange eher als Mittel zum Zweck gesehen, um als Pfarrer arbeiten zu können. Rückblickend stelle ich fest, dass ich einiges zu wenig wertgeschätzt habe. Ich hätte noch mehr Schätze im Studium heben können. Damals leitete mich bei jedem Studienfach die Frage: Was bringt mir das für die Praxis? Wenn ich das gewusst habe, konnte ich mich besser motivieren. Aber auch da, wo es über das reine Studieren hinaus ging, hat es mich gefesselt. Gut in Erinnerung bleibt für mich z. B. Professor Stephan Weyer-Menkhoff aus Mainz; der war ein Original und ich hätte etwas verpasst, wenn ich nicht bei ihm studiert hätte. Nach Greifswald ging ich, um Michael Herbst zu hören. Er hat sich neben seinen offiziellen Aufgaben im grossen Stil in uns Studierende investiert – es ging um ganz konkrete Lebensführung als Christ, nicht nur um abstrakte Theorie. Von ihm lernte ich viel.
Ich freue mich aufs Unterrichten – mit dem Ziel, Menschen möglichst gut vorzubereiten für einen fruchtbringenden Dienst in ihrer Gemeinde.
Was gefällt dir am TDS?
Am TDS begegne ich kompetenten Menschen; sei es unter den Kolleginnen, Studenten oder bei den Gastdozentinnen. Bereits hier in der Gemeinde in Hirzenbach habe ich mit zwei TDS-Absolventen zusammengearbeitet, und auch sonst immer wieder Menschen getroffen, die beim TDS ausgebildet wurden. Ich habe sie als souverän wahrgenommen. Gut ausgebildete Personen sind die beste Werbung für eine Ausbildungsstätte wie das TDS. So war das TDS bei mir bereits hoch im Kurs, noch bevor eine Anstellung in Frage kam.
Worauf freust du dich?
Ich freue mich darauf, die Studierenden in ihrer Ausbildung zu begleiten. Und aufs Unterrichten – mit dem Ziel, Menschen möglichst gut vorzubereiten für einen fruchtbringenden Dienst in ihrer Gemeinde. Das hängt nicht in erster Linie von mir ab, aber ich kann meinen Teil dazu beitragen. Und das motiviert mich.
Es ist ein Privileg, mit Expertinnen und Experten anderer Disziplinen zusammen fachlich zu arbeiten – auf Augenhöhe.
Ausserdem bin ich gespannt auf den Austausch im interdisziplinären Gremium des Konvents. Es ist ein Privileg, mit Expertinnen und Experten anderer Disziplinen zusammen fachlich zu arbeiten – auf Augenhöhe und mit dem Ziel, dass alle Beteiligten dadurch bereichert werden. Danke für das Vertrauen, dass ich diese schöne Aufgabe angehen darf.
Benjamin Limbeck ist seit 1. Sept. 2025 Teil des Teams Bildung und verantwortet den Bereich Theologie.
(1) siehe auch der Bericht über Coffee&Deeds anlässlich der Inspirationstour vom 31. Oktober 2024