Interview | Kirchenentwicklung und Leitung

Massvoll leiten in stürmischen Zeiten

Thomas Härrys neues Buch "Führungsweise"
Im neuen Buch von Thomas Härry steckt seine Leidenschaft für ehrliche, gesunde Leiterschaft: Dass Menschen in verantwortungsvollen Positionen stark mit ihrer Verantwortung umgehen. Thomas’ Bücher enthalten weise Impulse und prägen gemäss Rückmeldungen so manche (Leitungs-)Persönlichkeit. Er ist auch als Referent zum Thema unterwegs. Was ist in diesem Buch neu? Und wie kommt Thomas eigentlich auf seine Themen? Matthias Ackermann sprach mit ihm und wir gucken dabei auch ein bisschen hinter die Kulissen der Autorentätigkeit von Thomas.

Wie bist du selber zufrieden mit deinem neusten Buch?

Ich bin immer dankbar, wenn die aufwendige Arbeit an einem solchen Projekt geschafft ist und das Buch da ist. Natürlich gibt es im Nachhinein Gedanken wie: "Das hättest du noch besser sagen können", oder: "Dies und jenes müsste man noch ergänzend sagen". Aber man muss es loslassen und Gott vertrauen, dass er etwas Gutes aus meiner Schreiberei macht.

Du hast schon Bücher über Leitung bzw. (Selbst-)Führung geschrieben. Was bewog dich dazu, ein weiteres Buch zu schreiben? Was sind die Kernthemen dieses Buchs, was ist neu, welcher Aspekt ist dein Schwerpunkt im neuen Buch – und warum sind sie wichtig?

Meine Bücher sind fast ausnahmslos das Ergebnis eines länger vorausgehenden Prozesses. Sie fassen Gedanken zusammen, die mich oft über Jahre hinweg beschäftigen und begleiten. Irgendwann sind sie so weit herangereift, dass ich sie zu Papier bringen kann.

So war es auch beim jetzt erschienen Buch "Führungsweise". Es geht auf die Beobachtung zurück, dass viele Leitende im Alltag einerseits von einer Fülle nicht enden wollender Aufgaben überrollt werden. Auf der anderen Seite möchten sie gestalten, verändern, etwas bewegen. Ihr Handeln ist oft von diesem äusseren und inneren Druck geprägt, was Probleme erzeugt.

Mit meinem Buch möchte ich Mut machen, sorgfältig zu führen: Sorgfältig im Umgang mit den eigenen Kräften und Ambitionen. Rücksichtsvoll mit den Menschen, für die sie Verantwortung tragen. Und vorallem: Aus einer inneren Verankerung heraus, wie sie uns nur Gott geben kann. Ich hoffe, dass diese Sorgfalt sie selbst und ihre Organisation stärkt und vor unbesonnenen Schnellschüssen bewahrt.

Kannst du die drei inhaltlichen Säulen deines Buchs kurz beschreiben: Der erst Teil steht ja unter dem Stichwort „massvoll leiten“

Ich habe Leitungspersonen kennengelernt, die auf "höher, weiter, schneller" aus sind. Der Theologe Thomas von Aquin (13. Jahrhundert nach Christus) spricht in diesem Zusammenhang vom "Streben nach dem Grossen". Nach Grossem zu streben ist nicht falsch, im Gegenteil. Das Problem liegt in dessen Nähe zur Überhöhung, zur Vermessenheit. Dafür möchte ich sensibilisieren und zugleich bewusst machen, dass das Gegenteil davon genauso verkehrt sein kann: Wenn Leitende ständig zögern, abwarten, nötige Schritte verschleppen. Es hilft uns beides nicht, weder die Vermessenheit, noch der Kleinmut. Ich möchte zeigen, wie echter und von Demut geprägter Gestaltungsmut aussieht.

Der zweite Teil ist mit „weise verändern“ überschrieben. Was ist hier dein Anliegen?

Veränderung gehört zum Leiten dazu, dessen sind sich wohl alle Führungskräfte bewusst. Was viele nicht im Blick haben, ist die Tatsache, dass mit jeder Veränderung, die sie den von ihnen Geführten zumuten, Verlust einhergeht. Diese Verlustgefühle münden in verschiedene Formen des Widerstands auf Seiten der Geleiteten. Leitende tun gut daran, diesen Verlust nicht schönzureden, sondern ihn gnädig aufzufangen. Wer Menschen hilft, Verlust zu verarbeiten, erspart sich viele unnötige Konflikte und eigenen Kraftverlust. Ich möchte zeigen, welche praktischen Schritte und Vorgehensweisen an dieser Stelle hilfreich sein können.

Die letzten drei Kapitel sind mit „verwurzelt leben“ betitelt

Für mich läuft alles bisher Gesagte auf diesen entscheidenden Punkt hin: Massvoll leiten und weise verändern kann, wer verwurzelt lebt. Wer sein Leiten auch als ein Mandat dafür versteht, als Persönlichkeit an Tiefe zu gewinnen. In diesem Zusammenhang spreche ich von "Gravitas", von innerer Standfestigkeit, ohne die eine Leitungsperson früher oder später auf Abwege gerät oder den Bettel hinschmeisst.

Wie tönen Feedbacks von Leserinnen und Lesern deiner Bücher, wo du sagst: Meine Mühe hat sich gelohnt?

Wenn mir Menschen sagen, dass eines meiner Bücher oder Teile daraus in ihrem Leben zu einer wesentlichen Prägung oder Weichstellung geführt habe, dann hat es sich für mich gelohnt. Genau das möchte ich und dafür bete ich beim Schreiben.

Wie findest du eigentlich Themen für deine Bücher und Referate?

Ich finde sie nicht - sie finden mich. Sie drängen sich mir auf: Beim Lesen der Bibel, beim Beobachten, wie Menschen führen und mit welchen Schwierigkeiten sie dabei konfrontiert sind, aber auch durch die Gespräche mit Menschen, die ich begleite und berate.

Und wie gelang dir der Schreibprozess dieses Mal?

Schreiben lernt man durch Schreiben. Damit meine ich: Es fällt mir heute leichter, Themen verständlich zu artikulieren als vor 20 Jahren. Gleichzeitig ringe ich heute mehr als früher um die richtigen Worte. Das klingt wie ein Widerspruch, aber so erlebe ich es. Die grösste Herausforderung aber liegt für mich darin, die nötige Ruhe und Zeit zum Schreiben eines grösseren Projekts zu finden. Das ist immer umkämpft und erfordert bewusst gesteuerten Fokus und Selbstführung. Manchmal gelingt es besser, manchmal weniger.

Wird es in Zukunft weitere Bücher von dir geben?

Es gibt tatsächlich noch zwei, drei andere Themen, die ebenfalls seit Jahren in mir schlummern. Das eine Thema hat mit der unverzichtbaren Fähigkeit zu tun, sich als Christ in mehrdeutigen Fragestellungen ein verlässliches Urteil zu bilden. Eines, das der Sache und dem Evangelium von Jesus Christus Rechnung trägt. Unser Glaube hält hier viel Wegweisung bereit, die viel zu wenig bekannt ist. Einige der damit verbundenen Schätze würde ich gerne teilen. So Gott will und es mir möglich ist, das zu realisieren.

Wir sind gespannt! Herzlichen Dank für das Gespräch!

Matthias Ackermann stellte die Fragen

__

Thomas Härry ist Dozent am TDS Aarau sowie Referent und Autor für Theologie, Führung und Gemeindearbeit.

Weitere Infos zum Buch: