Artikel | Kirchenentwicklung und Leitung

Rollenmuster durchbrechen

Leonie Ulrich

Interprofessionell auf den gemeinsamen Auftrag reagieren

Interprofessionelles Arbeiten geschieht nicht von alleine. Im Team eingeübt, ermöglicht es neue Sichtweisen auf den Auftrag – unabhängig von Rolle, Status und Hierarchie. Davon ist Leonie Ulrich überzeugt und plädiert für eine Zusammenarbeit, die sich am Auftrag orientiert – auch in Kirchen.

Unsere Gesellschaft wird säkularer und unsere Aufgaben werden komplexer. Die Fragen und Themen, die die Gesellschaft uns stellt, sind vielschichtig. Die Zusammenhänge, in denen Menschen leben, kommunizieren und arbeiten, werden immer anspruchsvoller, unsicherer und globaler. Wie werden wir als Kirche diesen neuen gesellschaftlichen Anforderungen und Bedürfnissen gerecht? Wie gehen wir damit um? Keine Einzelperson, keine (Berufs-)gruppe für sich allein kann dies erfüllen. Explizit sind hier und in den folgenden Ausführungen Behörden und Freiwillige mitgedacht. Interprofessionelle Teams, wie sie Gunther Schendel für den kirchlichen Kontext beschreibt (siehe Kasten unten und Beitrag von Schendel), sind besser geeignet, diese Aufgaben adäquat zu bearbeiten. Es braucht verschiedene Sichtweisen, unabhängig von Rolle, Status und Hierarchie. Zusammen finden wir neue, kreative Lösungen für den gemeinsamen Auftrag, das Evangelium in Wort und Tat zu verkündigen. Das heisst, nicht die einzelnen (Berufs-)gruppen stehen im Mittelpunkt, sondern der gemeinsame Auftrag und die Zielgruppen mit ihren Bedürfnissen. Durch die Fokussierung auf den Auftrag der Kirche lösen wir uns von der einseitigen Konzentration auf die Berufe und Ämter mit ihren Profilen und Kompetenzen. Es stellt sich vielmehr die Frage, wer durch Interaktion den gemeinsamen Auftrag, die gemeinsame Aufgabe, bestmöglich erfüllen kann. Das bedeutet auch, Teamarbeit und Teamstruktur müssen sich am gemeinsamen Auftrag orientieren.

Zusammen wirken

In der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich befassen wir uns schon seit längerem mit dem Thema der interprofessionellen Zusammenarbeit. Einerseits im Rahmen von Aus- und Weiterbildungen, andererseits im Schaffen von Gelegenheiten, die zur Sensibilisierung und zum gemeinsamen Lernen und Erfahren beitragen. Ein Beispiel dafür ist die Kappeler Kirchentagung 2025 zum Thema «ZUSAMMEN WIRKEN: Talente – Auftrag – Aufbruch», die alle Mitarbeitenden, Behörden und Freiwilligen in der Zürcher Kirche einlud, sich auf das Thema in vielfältiger Weise einzulassen. Die fünf Tagungswochenenden im Winter 2025 stiessen auf grosses Interesse und lösten angeregte Gespräche und Reflexionen aus. In der Diskussion über kirchliche Berufe im Kontext von Nachwuchsmangel und gestiegenen Herausforderungen lohnte es sich dabei auch, über den Tellerrand zu schauen und von anderen zu lernen. Dazu waren Fachpersonen aus dem Gesundheitswesen und dem Leistungssport eingeladen, die uns an ihren Erkenntnissen und Herausforderungen teilhaben liessen und den Transfer zum kirchlichen Umfeld ermöglichten. Im Gesundheitswesen ist das Thema schon länger präsent und breit erforscht. Empirische Daten zeigen, dass die medizinische Betreuung bessere Resultate zeigt, wenn verschiedene Berufsgruppen mit ihrer Perspektive beitragen.

Medizinische Betreuung zeigt bessere Resultate, wenn verschiedene Berufsgruppen mit ihrer Perspektive beitragen.

Zusammenarbeitslabor

Ein anderes Beispiel war das Zusammenarbeitslabor, ein gemeinsames Weiterbildungswochenende mit je vier Vertretenden aus den Berufsgruppen Sozialdiakonie, Katechetik, Kirchenmusik und Pfarramt. Interprofessionalität geschieht nicht einfach so. Es braucht kontextbezogene interprofessionelle Bildungsformate mit gemischt-professionellen Teams, die an einer gemeinsamen Aufgabe arbeiten. Allein aus dem Kontakt mit anderen Berufsprofilen ohne Reflexion und Konzeption entsteht noch kein interprofessionelles Arbeiten. Genau dieses Experimentierfeld, losgelöst vom Alltagskorsett, bot das gemeinsame Wochenende. In vier zufällig eingeteilten, berufsdurchmischten Teams arbeiteten die Gruppen während zwei Tagen an einem vorgegebenen gemeinsamen Auftrag, regelmässig unterbrochen durch kreative Interventionen und Reflexionsschlaufen. Auf individueller Ebene war es spannend zu erleben, wie sich die unterschiedlichen Berufsvertreterinnen und -vertreter gegenseitig immer stärker und respektvoller in ihren Kompetenzen wahrnahmen, neue, lustvolle Perspektiven entstanden und die einzelnen Funktionen in den Hintergrund rückten – zugunsten eines gemeinsam entwickelten Ganzen. Status wurde unwichtig, Rollenmuster wurden durchbrochen, die je spezifischen Kompetenzen wurden wertgeschätzt und auch als Entlastung empfunden. Auf Prozessebene waren Aushandlungsprozesse, das Teilen von Verantwortung, das Anpacken von Konfliktlösungen und das Verfolgen des gemeinsames Ziels zentral.

Kloster Kappel am Albis, wo die Kappeler Kirchentagungen stattfinden

Erfolgsfaktoren

Wie kann also das Zusammenwirken der unterschiedlichen Berufe und Rollen gelingen (Freiwillige und Behörden immer mitgedacht)? Was fördert diese Haltung, diese Kultur? Die wichtigsten Erkenntnisse aus den oben beschriebenen Veranstaltungen lassen sich folgendermassen zusammenfassen:

Kommunikation und Gesprächskultur: Kommunikation ist ein Schlüssel für gelingende Zusammenarbeit – auf Augenhöhe, offen und klar. Dies erfordert Empathie und aktives Zuhören.

Gemeinsamer Auftrag: Interprofessionelle Zusammenarbeit ist nicht für jede Aufgabe die Lösung. Sie kommt dann zum Tragen, wenn gemeinsame Schnittflächen bespielt werden. Der gemeinsame Auftrag rückt in den Fokus. Das bedeutet auch: Teamarbeit und Teamstruktur müssen sich am gemeinsamen Auftrag orientieren.

Vertrauen, Wertschätzung und Respekt prägen die Haltung für ein gelingendes Miteinander. Das braucht Zeit, Dialog und sichere Beziehungen. Wertschätzung bedeutet zum Beispiel auch Rücksichtnahme auf unterschiedliche Arbeitslogiken und Zeitbudgets, insbesondere in Teams mit Freiwilligen und Behörden. Als Kirche müssen wir auf allen Ebenen zusammenarbeiten und den Fähigkeiten und Erfahrungen der Mitwirkenden vertrauen. Diese Kultur gilt es auf allen Ebenen und in allen Handlungsfeldern zu fördern. Dazu gehört auch, eigene Beschränkungen einzugestehen, Frust und Ängste zu teilen – aber auch solidarisch zu sein, Freude zu wecken und Begeisterung zu zeigen.

Kritik- und Konfliktfähigkeit sind zentrale individuelle Einflussfaktoren. Konflikte sind häufig ein Thema und werden in der Regel als negativ und destruktiv wahrgenommen. Wenn sie aber als Herausforderung und Chance zur Weiterentwicklung genutzt werden, bergen sie ein positives Potenzial.

Kenntnis und Verständnis anderer (Berufs-)gruppen: Einander kennen und wahrnehmen, Kompetenzen anerkennen und Vorurteile loslassen  – das sind wichtige Elemente für ein wirksames Miteinander. Es bedingt Lernbereitschaft und Kompromissfähigkeit anstelle von Konkurrenzverhalten. Hierarchien, Statusspiele und unklare Rollenverteilungen behindern im Gegenzug eine gelingende Zusammenarbeit. Bestehende Rollenmuster müssen hinterfragt und geklärt werden.

Wissen und Können miteinander teilen: Wenn Mitarbeitende, Behörden und Freiwillige ihr Wissen und Können miteinander teilen und ihr Handeln aufeinander ausrichten (interagieren), bringen sie Leistungen hervor, die keine Einzelperson für sich allein zustande gebracht hätte. Wir brauchen gerade unsere Unterschiede, denn sie bereichern unser Zusammenwirken.

Strukturelle Rahmenbedingungen: Die Kirche als Organisation muss die interprofessionelle Zusammenarbeit in ihren Strategien, Konzepten und Prozessen verankern und konsequent fördern. Dazu gehören z. B. gemeinsame Kommunikations- und Informationsplattformen, die allen zur Verfügung gestellt werden. Aber auch gemeinsame Aus- und Weiterbildungsformate sowie institutionalisierte Gefässe für regelmässigen Austausch und gemeinsames Lernen. Interprofessionelle Zusammenarbeit ist auch eine Leitungsaufgabe.

Entscheidungskompetenzen und Verantwortlichkeiten müssen gemeinsam ausgehandelt und zugeteilt werden. Machtverhältnisse und Rollen müssen angesprochen und geklärt werden. Wichtige Aspekte sind eine Kooperation verschiedener (Berufs-)gruppen, eine gemeinsame Entscheidungsfindung und voneinander Lernen. Die Zusammenarbeit erfolgt auf Augenhöhe, die Rollen der Beteiligten werden gemeinsam geklärt. Dabei können diese Fragestellungen hilfreich sein (siehe Kasten nebenan).

Austausch an der Kappeler Kirchentagung 2025 zum Thema «ZUSAMMEN WIRKEN: Talente – Auftrag – Aufbruch.»

Gemeinsam unterwegs

Als Kirche sind wir gemeinsam unterwegs – Behörden, Mitarbeitende und Freiwillige. Wir brauchen einander. Wir brauchen die verschiedenen Stimmen, Fachkenntnisse und Fähigkeiten. Wir alle bringen Kompetenzen mit. Als Kirche knüpfen wir an unsere Tradition und an unsere Wurzeln an, wenn alle ihre einzigartigen Stärken und Erfahrungen einbringen und sich ergänzen – miteinander, wertschätzend, auf Augenhöhe. Die Verständigung, die es dazu braucht und die göttliche Kraft der Veränderung feiert die Kirche durch die Jahrhunderte hindurch an Pfingsten. «Wenn du schnell vorankommen willst, geh allein. Wenn du weit vorankommen willst, geh mit anderen.» so erinnert ein Sprichwort aus Afrika. «Geh mit anderen» heisst bei uns: Ein vielfältiges Team, das in kleinen und grossen Kirchgemeinden Aufträge miteinander wertschätzend und auf Augenhöhe anpackt und sich freut am Reichtum der anderen. 

Leonie Ulrich leitet den Bereich Diakonie und Generationen der Abteilung Kirchenentwicklung der Reformierten Kirche des Kantons Zürich.
www.zhref.ch/kirchenentwicklung

«Wenn du schnell vorankommen willst, geh allein. Wenn du weit vorankommen willst,
geh mit anderen.»
Afrikanisches Sprichwort